Durch richtige Ernährung kann das Risiko von Multipler Sklerose gesenkt werden

Prim. Dr. Mattias König | NTK |

Autor Prim. Dr. Matthias König ist ärztlicher Leiter des Neurologischen Therapiezentrums Kapfenberg (NTK) – eine Gesundheitseinrichtung der VAMED

Multiple Sklerose ist die häufigste Erkrankung, die im jungen Erwachsenenalter zu einer Behinderung führen kann. Dementsprechend hat diese Erkrankung eine erhebliche sozialmedizinische Bedeutung. Die Forschung der letzten Jahre hat den Kenntnisstand über die Entstehung dieser Erkrankung wesentlich erweitert. Untersuchungen konnten mehrere Faktoren, die das Auftreten beziehungsweise eine Verschlechterung einer bestehenden Multiplen Sklerose begünstigen, identifizieren (Abb.1).

Krankheitsmodell 

Nach heutigem Kenntnisstand ist zur Entstehung einer MS das Zusammentreffen einer Reihe von Faktoren notwendig, die im Sinne einer kausalen Kaskade, also der Aufeinanderfolge von mehreren Reaktionen, letztlich zur Erkrankung führen (Abb.2). Als Basis ist eine bestimmte genetische Disposition erforderlich, wobei an die hundert Gene identifiziert wurden, die für die Entstehung einer MS eine gewisse Bedeutung haben. Auf diesem Boden kann sich, wenn weitere Umweltfaktoren vorliegen, eine MS entwickeln.

Den wichtigsten, aber leider nicht veränderbaren Umweltfaktor stellt die Infektion mit dem Ebstein-Barr-Virus (EBV) dar. Serologische Untersuchungen haben gezeigt, dass praktisch alle Patienten mit EBV infiziert wurden. Modifizierbare Umweltfaktoren stellen Vitamin-D Mangel, Rauchen, Bewegungsmangel, Übergewicht und bestimmte Ernährungsgewohnheiten dar.

Da sich eine MS meist im 2. bis 3. Lebensjahrzehnt manifestiert, müssen die genannten Umweltfaktoren relativ früh im Leben eines Individuums wirksam werden. Jene Umweltfaktoren, die die Erkrankung an MS begünstigen, sind daher meist schon im Kindes- bzw. im frühen Jugendalter aufgetreten. Treten genannte Umweltfaktoren in diesem „vulnerablen“ Zeitfenster auf, ist eine Erkrankung wahrscheinlicher. Besonders bei Kindern von MS-Kranken, die mit hoher Wahrscheinlichkeit bereits ein genetisch erhöhtes Risiko aufweisen, sollte alles unternommen werden, um vermeidbaren Risikofaktoren (schlechte Ernährung, Rauchen, Vitamin D-Mangel) aus dem Weg zu gehen.

Rauchen und Multiple Sklerose:

Das genetische Risiko für die Entstehung der MS ist bei bestimmten Veränderungen der Oberfläche von Zellen des Immunsystems bis zu 3-fach erhöht. Handelt es sich bei den Betroffenen darüber hinaus um Raucher, so steigt das Risiko auf das 14-fache an. Durch die bei Rauchern ausgelöste chronische Entzündung der Bronchialschleimhaut kommt es bei gewisser genetisch bedingter Konstellation zur Entstehung autoaggressiver T-Lymphozyten, die zu einer Erkrankung an MS führen (Abb.3). Diese Interaktion wurde auch für andere Autoimmun-Erkrankungen nachgewiesen (z.B. rheumatoide Arthritis,).

Untersuchungen haben gezeigt, dass Frauen im Vergleich zu Männern eine zunehmend höhere Wahrscheinlichkeit aufweisen, an MS zu erkranken. Diese Zunahme korreliert auch mit der steigenden Häufigkeit rauchender Frauen. Insgesamt ist die Beweislage, dass Rauchen die Wahrscheinlichkeit an MS zu erkranken erhöht, sehr eindeutig. Dies wird durch eine eindeutige Dosisabhängigkeit in Bezug auf Menge und Dauer des Rauchens unterstrichen.

Ebenso wurde der negative Einfluss auf den klinischen Verlauf der Erkrankung nachgewiesen, da bei Rauchern der anfangs schubförmige Verlauf schneller in einen chronisch progredienten Verlauf übergeht – die Erkrankung also schneller fortschreitet. Raucherentwöhnungsprogramme gehören damit zu den wichtigsten Maßnahmen, um den Verlauf der MS zu bremsen. Auch passives Rauchen erhöht übrigens das Risiko.

Vitamin D Mangel und Multiple Sklerose:

Der Zusammenhang zwischen einem Vitamin-D Mangel und der Entwicklung einer MS konnte mittlerweile zweifelsfrei nachgewiesen werden. Vitamin-D wird im menschlichen Organismus in der Haut gebildet. Dazu ist eine ausreichende Sonneneinstrahlung mit genügend UVB-Anteilen notwendig. Damit lässt sich hervorragend die geographische Verteilung der MS-Häufigkeiten erklären (Abb. 4. u. 5.).

Neben der körpereigenen Herstellung über die Haut kann einem Vitamin-D-Mangel auch durch die richtige Ernährung vorgebeugt werden. Dies ist auch der Grund, warum bestimmte Volksgruppen trotz geografisch ungünstiger Lage mit wenig Sonnenstunden eine niedrige MS-Häufigkeit aufweisen. Beispiele sind die Inuit, die ihren Vitamin-D-Bedarf über öligen Fisch decken und die Samen in Lappland, die wiederum Vitamin-D-reiches Rentierfleisch als Hauptnahrungsquelle haben.

 

Weltweite Verteilung der UVB-Strahlung

Übergewicht und Bewegungsmangel bei Multipler Sklerose

Es existiert mittlerweile eine gute Beweislage, dass Adipositas in der Kindheit und im jungen Erwachsenenalter ein Risikofaktor für die Entwicklung einer MS ist.

Es gibt Hinweise, dass dieser Effekt beim weiblichen Geschlecht deutlich ausgeprägter ist. Wissenschaftler vermuten, dass dies an dem entzündungsfördernden Zustand liegt, der bei einer Fettleibigkeit besteht. Zusätzlich spielt der dabei oft auftretende latente Vitamin-D-Mangel eine Rolle.

In einer kürzlich publizierten Untersuchung wurde der Zusammenhang zwischen körperlicher Aktivität und dem Multiple Sklerose Risiko untersucht. Es zeigte sich, dass eine durchschnittlich mehr als dreistündige tägliche körperliche Aktivität in der Jugend das MS-Risiko verringert.

 

Ernährung und Multiple Sklerose

Experimentelle Untersuchungen konnten belegen, dass die Ernährung Einfluss auf eine MS-Erkrankung hat. So ist Beispielsweise belegt, dass eine kalorienreiche Ernährung mit einem hohen Anteil an gesättigten, langkettigen Fettsäuren Entzündungsprozesse im Körper verursacht und fördern kann.

Aufgrund der Erkenntnisse über die Zusammenhänge zwischen bestimmten Ernährungsfaktoren und deren Einfluss auf entzündliche Erkrankungen wurden folgende Ernährungsempfehlungen bei MS formuliert:

  • Übergewicht vermeiden
  • Ernährungsbasis: Gemüse, Getreideprodukte, Hülsenfrüchte, Obst und Fisch.
  • Zusatznahrung: Probiotika, Vitamin D, A, B12, Magnesium, Selen, Omega-3 Fettsäuren, Präbiotika wie Inulin und Kleie

Zusammenfassung

Lebensstilmodifizierende Maßnahmen besonders bei (nahen) Angehörigen von Multiple-Sklerose-Patienten sind definitiv sinnvoll:

  • Übergewicht besonders in der Jugend vermeiden
  • Viel Bewegung (mehrere Stunden täglich!) im Kindesalter und Jugendalter
  • Rauchen vermeiden
  • Dosierte Sonnenexposition und/oder Vitamin-D-Substitution (Zielwert ist ein Serumspiegel > 50 nmol/l)
  • „Mediterrane“ Diät, Reduktion von tierischen Fetten, ev. 2 x 500 mg Propionat, Prä- und Probiotika zur Erzielung eines optimalen Darmgleichgewichts.   Das Neurologische Therapiezentrum Kapfenberg ist eine Gesundheitseinrichtung der VAMED.

Das NTK bietet stationäre Frührehabilitation von neurologischen PatientInnen unmittelbar nach der Akuttherapie einer neurologischen Erkrankung. Der Schwerpunkt liegt in der Behandlung stark betroffener neurologischer PatientInnen nach Schlaganfällen, Hirnblutungen, Multipler Sklerose und nach traumatischen Schädigungen des zentralen und peripheren Nervensystems.

Der Autor Prim. Dr. Matthias König ist ärztlicher Leiter des Neurologischen Therapiezentrums Kapfenberg (NTK). Das Neurologische Therapiezentrum Kapfenberg ist die einzige öffentliche Sonderkrankenanstalt in der Obersteiermark und die erste österreichische Sonderkrankenanstalt mit Qualitätszertifizierung nach Joint-Commission International (JCI).

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Prim. Dr. Matthias König Neurologisches Therapiezentrum Kapfenberg

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