Muskelentspannung bei Wachkomapatienten in der Hängematte

08.01.2018
Pflegeheim Oberpullendorf | Burgenland | Österreich

Mag. Barbara Seidel, BSc

OA Dr. Kaar Alfred, Facharzt für Neurologie und Psychiatrie

In einer Pilotstudie der Burgenländischen Pflegeheim-Betriebs GmbH, Pflegeheim Oberpullendorf, St.Peter, Bereich Wachkoma, einer Gesundheitseinrichtung der VAMED und der Burgenländischen Krankenanstaltengesellschaft, konnte gezeigt werden, dass das Schaukeln von Wachkoma-Patient/innen in einer Hängematte (vestibuläre Stimulation) die Muskelspannung reduziert. Laut Studie wirkt sich die Reduktion der Körperspannung positiv auf das Wohlbefinden der Patient/innen aus. Die Erforschung dieser Anwendung wurde von einem Projektteam in Kooperation mit dem Pflegeheim Oberpullendorf, Haus St. Peter durchgeführt.

Wachkoma

Wachkoma bzw. das Syndrom reaktionsloser Wachheit (kurz: SRW) – im Englischen auch „vegetative state“ genannt – beschreibt einen Zustand, in dem ein Mensch wach, sich jedoch seiner selbst und seiner Umgebung nicht bewusst ist. In diesem Zustand sind die Augen geöffnet, zeigen aber keine Bewusstseinsregung, die äußerlich erkennbar wäre. Lebenswichtige Funktionen wie Atmung oder Verdauung laufen selbstständig, gezielte Bewegungen oder Kommunikation sind jedoch nicht möglich. In manchen Fällen verfügen Wachkomapatient/innen auch über einen normalen Schlaf-Wach-Rhythmus, bei dem die Betroffenen tagsüber die Augen öffnen, ohne etwas anzusehen, und abends wieder schließen. Das SRW ist meist Folge einer schweren Schädigung des Gehirns, die durch ein Schädel-Hirn-Trauma oder Sauerstoffmangel (Hypoxie) hervorgerufen wird. Aber auch andere Ursachen können zu einem SRW führen, dazu zählen:

  • Schlaganfall
  • Hirnhautentzündung (Meningitis)
  • Hirntumore
  • Neurodegenerative Erkrankungen (z.B. Morbus Parkinson)

Erhöhte Muskelspannung

Die Muskelspannung ist bei Wachkomapatienten zeitweise erhöht, wobei es bei zunehmender Spannung auch zu Krämpfen kommen kann. Beide Arme und Beine, aber auch der Rumpf, sind dabei angezogen und gebeugt oder gestreckt. Die erhöhte Körperspannung entsteht durch die Zerstörung bestimmter Hirnbereiche im Hirnstamm. Bei diesen Bereichen handelt es sich um Kerngebiete des Gehirns, die grundlegende Bewegungsmuster des Körpers – die sogenannte „primitiv motorische Pattern“  – bilden. Zu den betroffenen Bereichen gehören:

  • Nuclei Vestibularis – die „Gleichgewichtskerne“ des Gehirns
  • Nucluei Ruber – der „Rote Kern“ des Gehirns
  • Formatio Retikularis – das „netzwerkartige Koordinationszentrum“ des Gehirns

Bei Wachkomapatienten sind diese Bereiche des Gehirns meist geschädigt, wodurch die primitiv motorischen Pattern aktiviert werden und es zu einer Massenaktivierung der Beuge und/oder der Streckmuskulatur kommt. Das Ausmaß der Streck – bzw. Beugeintensität richtet sich dabei nach der Größe und dem Ort der Gehirnschädigung. Die erhöhte Muskelspannung belastet in erster Linie die Betroffenen selbst. So können starke Muskelspannungen oder –krämpfe äußerst schmerzhaft sein und bei Betroffenen zu erhöhtem Stress führen. Auch der Umgang mit Patienten im Wachkoma wird für Pfleger und Therapeuten erschwert, da die Bewegung der Gliedmaßen der Patienten durch die starke Muskelspannung deutlich eingeschränkt ist.

Gleichgewicht und Körperspannung

Über das Gleichgewichtsorgan (Vestibularorgan) im Innenohr werden Informationen über die Stellung des Kopfes im Raum, sowie die Stellung des Kopfes gegenüber dem eigenen Körper an das zentrale Nervensystem weitergegeben und im Hirnstamm verarbeitet. Dort angekommen, sorgen die „Gleichgewichtskerne“ im Gehirn dafür, dass sich die Motorik bzw. die Bewegungsabläufe des Körpers an veränderte Gegebenheiten in der Umwelt anpasst. Ist bei Wachkomapatienten dieser Bereich des Gehirns beschädigt, können die Reize aus der Umwelt im Gleichgewichtsorgan nicht richtig verarbeitet werden, wodurch es zu einer Einschränkung der Motorik kommt. Durch die Stimulation des Gleichgewichtsorgans (vestibuläre Stimulation) im Innenohr ist es jedoch möglich, die Reizverarbeitung im Gehirn anzuregen und gleichzeitig die Muskelspannung des Körpers zu senken.

Stimulation des Gleichgewichtsinns (Vestibuläre Stimulation)

Unter vestibulärer Stimulation werden therapeutische Maßnahmen verstanden, bei denen es zu einer Reizung bzw. Anregung des Gelichgewichtorgans im Innenohr kommt. Werden die Rezeptoren des Organs stimuliert, gelangen die Informationen zu den „Gleichgewichtskernen“ (vestibularis Kerne) im Hirnstamm. Die vestibularis Kerne stehen mit dem Kleinhirn, dem Thalamus, dem Cortex sowie der Formatio Reticularis in Verbindung. Allgemein kommt es durch eine Reizung zu einer Aktivierung (Förderung der Wachheit) über das aufsteigende retikuläre System (ARAS).

Nervenfasern ziehen von den Gleichgewichtskernen (auch: Nuclei vestibularis oder Vestibulariskerne) über den Tractus Vestibulospinas – eine absteigende Faserbahn der Vestibulariskerne im Rautenhirn –  ins Rückenmark und stehen dort in direkter Verbindung mit den Motoneuronen. Über diese Verbindung kann es durch eine vestibuläre Stimulation zu einer Veränderung der Muskelspannung kommen. Beruhigende vestibuläre Reize sind gleichförmige Bewegungen, wie z.B. Wiegen, Schaukeln oder Rollstuhlfahren, wobei Drehbeschleunigungen aktivierend wirken. Weitere Möglichkeiten zur Stimulation des Vestibularorgans sind Kopfbewegungen gegen den Rumpf (z.B. Rumpfrotation), sowie Kopfbewegungen im Raum (in einer bestimmten Ausgangsstellung den Kopf wenden), Schaukeln (im Sitzen, Liegen, Stehen), Lagewechsel (z.B. Rückenlage-Sitz), die Körperaufrichtung (in Sitz oder Stand), sowie Reize an der Nackenmuskulatur (Vibration, Zug, Druck).

 Pilotstudie: Schaukeln verringert die Muskelspannung

Im Zuge einer Studie der Burgenländischen Pflegeheim-Betriebs GmbH, Pflegeheim Oberpullendorf, St.Peter, wurde eine Pilotstudie durchgeführt und die Wirkung der vestibulären Stimulation mit Hilfe von Schaukelbewegungen in einer Hängematte auf die Muskelentspannung von Wachkomapatient/innen untersucht. Für die Untersuchung wurde eine motorisierte Hängematte entwickelt, um standardisierte Untersuchungsbedingungen (Schwingungen mit einer gesteuerten Frequenz von 10 Hz) herzustellen. Die Studie lief über einen Zeitraum von insgesamt 7 Wochen, mit einer zwei-wöchigen Pause. 14 Wachkomapatient/innen wurden in den ersten vier Wochen jeweils 12 Mal in liegender Position in der Hängematte gelagert und  30 Minuten lang geschaukelt. Dabei wurden folgende Messungen vor und nach jeder 30-minütigen Behandlungseinheit mit der Hängematte durchgeführt:

  • Messung der Muskelspannung mittels Myoton Pro
  • Messung der Vitalparameter: Blutdruck, Sauerstoffsättigung und Puls

Insgesamt wurden 13 Messungen vorgenommen. Die letzte Messung erfolgte zwei Wochen nach der vierwöchigen Therapiezeit, um herauszufinden, ob die Behandlung mittels Hängematte einen längerfristigen Effekt auf den Organismus der Patient/innen hat. Außerdem wurde der Zustand der Patient/innen beim Transfer in die motorisierte Hängematte, während des Schaukelns in der Hängematte und beim Retourtransfer in das Bett beobachtet.

Das Ergebnis: Der Messdatenvergleich zwischen Versuchs- und Kontrollgruppe hat gezeigt, dass durch die Schaukelbewegungen der Hängematte der Körper der Proband/innen mit einer Entspannung reagierte. Demnach kam es durch das Zurücklegen des Kopfes der Patientinnen während des Schaukelns zu einer Reduktion der grundlegenden Bewegungsmuster („primitiv motorische Pattern“), wodurch sich vor allem die Ellbogenbeuger und Vorfußheber bei den Versuchsteilnehmer/innen entspannten. Die verringerte Muskelspannung bei den Patient/innen führte außerdem zu einer besseren körperlichen Beweglichkeit, was wiederum auch den pflegerischen und therapeutischen Umgang mit den Patent/innen erleichterte. Unter der Berücksichtigung der kleinen Stichprobengröße lassen die Ergebnisse der Studie den Rückschluss zu, dass das Schaukeln in einer Hängematte die Muskelspannung der Patient/innen regulieren kann und für Wachkomapatient/innen eine sichere therapeutische Maßnahme darstellt. Aufgrund des positiven Ergebnisses des Pilotprojekts wurde die Therapiemaßnahme mittels Hängematte bei Wachkomapatient/innen zur Muskelentspannung in den Regelbetrieb des Pflegeheims Oberpullendorf integriert. Die Einrichtung gilt seither als Best-Practice-Beispiel und Vorzeigeeinrichtung für den Spezialbereich Wachkoma in Österreich.

 

Quellen:

Nöstlinger, Seidel & Beikirchner (2015): Pilotstudie - Veränderung des Muskeltonus durch den Therapiemitteleinsatz einer Hängematte bei Patientinnen und Patienten mit der Diagnose Vegetative State. Burgenländische Pflegeheim Betriebs-GmbH, Pflegeheim Oberpullendorf, St.Peter

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Der Co Autor OA Dr. Alfred Kaar, Facharzt für Neurologie und Psychiatrie ist erster Oberarzt in der Neurologie am allgemein öffentlichen Krankenhaus Oberwart und im Pflegeheim Oberpullendorf.

Die Autorin Mag. Barbara Seidel, BSc ist die Heim- und Pflegedienstleiterin des Pflegeheims Oberpullendorf , einer Gesundheitseinrichtung der VAMED und der Burgenländischen Krankenanstaltengesellschaft.

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